Welche Pflegekraft kennst das nicht? Am Wochenende ist eine Kollegin/ein Kollege erkrankt und die Station steht vor dem Scherbenhaufen “sparsamer” Personalpolitik und droht in Arbeit zu ersticken. Die rasch informierte Pflegedienstleitung konnte natürlich auf die Schnelle aus dem wegrationalisierten Springerpool ebenfalls keine weitere Pflegekraft zaubern und reichte den schwarzen Peter einfach zurück.
Was tut man nun in solch einer Situation? Ganz klar, man telefoniert wild das stationseigene Telefonbuch ab in der Hoffnung, einen spontanen, flexiblen Mitarbeiter zu finden, dem ohnehin langweilig ist und der liebend gerne beweisen möchte, dass noch immer genügend Pflegekräfte vorhanden sind um jegliches Organisationsverschulden von Seiten der Geschäftsführung zu kompensieren.
In aller Regel findet sich solch eine Person, obwohl es keine(!) Möglichkeit gibt, einen Angestellten zur Arbeit zu verpflichten – mal abgesehen vom Ausbruch des dritten Weltkrieges und diversen weiteren Katastrophenszenarien (Urlaub und Krankheit sind übrigens keine solchen, auch wenn manche Führungskraft dies anders empfindet und derlei als “Notfall” deklariert, was den Tatbestand der Nötigung erfüllen würde, so sie es täte). Der Hauptgrund ist der Appell an das Gewissen des Kollegen/der Kollegin. “Jetzt müssen die Armen anderen zu zweit die ganze Station schmeißen und es sind doch sooooo viele Pflegefälle zu versorgen. Wie sollen sie das bloß schaffen?” – Und dann lassen sich die meisten überreden…
Doch ist diese Hilfsbereitschaft wirklich kollegial? Oder handelt es sich letztlich nicht nur um ein temporäres Verkleinern der Arbeitsbelastung, die jedoch notwendigerweise eine Vergrößerung selbiger nach sich zieht, so man das Ganze langfristig beobachtet? Denn was signalisiert man denn dem Arbeitgeber, wenn man ständig auf seine Rechte verzichtet und freiwillig – und in aller Regel auch unentgeltlich – Mehrarbeit leistet? Man zeigt an, dass der Laden ja doch noch irgendwie laufen kann und der Arbeitgeber wird dann eben noch eine Stufe runter schrauben und noch weniger Personal auf den Stationen beschäftigen, wodurch sich die personellen Engpässen weiter verschlimmern und letztlich Personal und Patienten die Leidttragenden sind.
Um das ganze noch etwas deutlicher darzustellen:
Grundsätzlich ist es die Aufgabe der Führungsebenenen – allen voran des Geschäftsführers – dafür zu sorgen, dass der Laden läuft. Dies geschieht unter anderem dadurch, die Stationen mit Personal zu besetzen. Wenn zu wenig Personal auf den Stationen ist, dann ist dies ein Fehler eben dieser Führungsetagen und nicht des einzelnen Mitarbeiters. Dennoch sind die Mitarbeiter bestrebt, diese Fehler zu kompensieren. Klappt diese Kompensation jedoch nicht und es kommt zur sogenannten “gefährlichen Pflege”, bei der vielleicht auch noch jemand zu Schaden kommt, dann wird der Geschäftsführer den Fehler nicht bei sich suchen, sondern individuell bei den betroffenen Pflegekräften, denn diese hätten ja eine “Überlastungsanzeige” tätigen können (was diese aber nur sehr selten tun, weil im Umkehrschluss Druck ausgeübt wird um diese zu verhindern). Tun sie es nicht, haben sie wiederum ihre Sorgfaltspflicht verletzt und tragen die volle Verantworung für die begangenen Fehler und Versäumnisse.
Es ist ersichtlich, dass ohne eine vernünftige Artikulation etwaiger Missstände eine Verbesserung derselben nahezu ausgeschlossen ist. Jeder dürfte wissen unter welchen Bedingungen die Pflege teilweise arbeiten muss – auch die Geschäftsführung, aber ohne kontinuierlichen Druck von unten wird sich nichts ändern. Dabei muss man natürlich nicht jedes Mal aus Prinzip auf sein Recht pochen, aber es ist nützlich, wenn man um seine rechte weiß, denn nur so können langfristig Veränderungen angestrebt werden, von denen Patient und Personal profitieren.

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